Begegnung und Weltinteresse als Lebensprinzip (Artikel aus der Mittendrin)

In der Metropole Berlin leben Menschen aus annähernd 190 Ländern zusammen. Die freie interkulturelle Waldorfschule möchte die Möglichkeiten dieses Umfeldes aufgreifen und verwandeln. Zwei wichtige Fragen, die wir immer im Hinterkopf haben, sind: Wie lernen wir, uns wirklich zu begegnen?

 

Wie kann eine Schule der Zukunft die Kulturen so einbeziehen, dass Migration als Bereicherung erlebt wird? Natürlich bedeutet Globalisierung auch eine Verunsicherung des Gewohnten. Es kann jedoch eine Entwicklung, Bereicherung und Stärkung der Persönlichkeit daraus hervorgehen – pädagogisch gegriffen erwächst aus der Begegnung der freie Mensch. Wir, Kinder wie Erwachsene, freuen uns auf das Neue, das in jeder echten Begegnung liegt! Jede Begegnung ist ein Anfang, egal welche Kultur, Bräuche, Sprachen (ob deutsch, türkisch, arabisch) oder welcher „Hintergrund“ – in der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin soll jede kulturelle Zugehörigkeit von den Angehörigen anderer Kulturen wahrgenommen, erkannt und wertgeschätzt werden. Die Schule heißt die jeweilige Erstsprache des Kindes ausdrücklich willkommen und bezieht unterschiedliche Traditionen, Musik und religiöse Feste in den Schulalltag mit ein. Gezielt arbeitet das Kollegium auf eine Überwindung nationaler, religiöser oder sonstiger Vorurteile hin. Im Fach „Begegnungssprache“ bspw. haben die Kinder die Gelegenheit, für eine gewisse Zeit in die ihnen fremde Sprache der Mitschüler*innen einzutauchen. Zugleich fördern wir die Ausbildung der jeweiligen Erstsprache auf schulischem Niveau. Zum Ende der Schulzeit sollen alle Schüler*innen die Fähigkeit erlangt haben, das Selbstwertgefühl nicht auf Gruppenzugehörigkeiten, sondern auf die eigene, freie Persönlichkeit zu gründen und sich in jedem beliebigen Lebenszusammenhang zurechtzufinden.

 

Doch nicht nur das Kind, sondern auch sein Umfeld wird in den Verständigungsprozess miteinbezogen. So feiern wir etwa gemeinsam mit den Eltern die Feste, die in der Elternschaft tatsächlich leben – u.a. Eid al-Fitr, Nouruz, Mevlid, Weihnachten und viele mehr. Hier haben wir extra eine Fest-Arbeitsgemeinschaft gegründet, in der Eltern und Kollegen*innen zusammen die Feste planen und umsetzen. Das Tolle an solchen AGs ist das Zusammenspiel aller. Nicht nur die Kinder lernen dazu, sondern auch Eltern und Kollegen*innen. Wir möchten mit der Waldorfpädagogik heraus aus dem bürgerlichen Milieu und hinein in die sozialen Brennpunkte, um uns dort denselben Herausforderungen zu stellen, vor denen die Grundschulen vor Ort stehen. Unsere Schule soll für unsere Schüler*innen ein Ort der Sicherheit sein. Äußerlich sowieso – aber auch innerlich, durch die Art, wie wir miteinander umgehen, wie Unterschiede, Schwächen, ja Entgleisungen Platz haben und Chancen zu Reifungsschritten im Sozialen werden. So wird die Schule sogar wie zu einem “Zuhause“, wo ich mit dazu gehöre, einfach weil ich „Ich“ bin. Angestrebt ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kindern von Zugewanderten und in Deutschland geborenen Kindern, sowie ein Gleichgewicht zwischen einkommensschwachen und einkommensstarken Haushalten. Die Pädagogen arbeiten gezielt auf eine Überwindung nationaler, religiöser oder sonstiger Vorurteile hin. Dazu gehört das Fach „Begegnungssprache“, die bewusste Einbindung und Reflexion der jeweiligen Religionszugehörigkeit, die Verwendung beispielhafter Literatur und vieles mehr. Wir wollen in der Berliner Metropole aktiv am Aufbau einer auf gegenseitiger Anerkennung beruhenden, zukunftsfähigen Gemeinschaft mitwirken. Gleichzeitig erhoffen wir uns von der bewussten Begegnung mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen auch eine neue Belebung der Waldorfpädagogik.

 

Die Freie Interkulturelle Waldorfschule Berlin steht nicht nur allen Kulturen, sondern auch allen Gesellschaftsschichten offen. Sie erzieht das wirtschaftlich benachteiligte Kind in einer Klasse mit dem begünstigten, das „bildungsferne“ mit dem „bildungsbürgerlichen“, und ermöglicht so den Angehörigen aller Schichten, den individuellen Menschen ungeachtet seiner sozialen Stellung achten zu lernen. Die Lehrer*innen begnügen sich dabei nicht mit einer prinzipiellen Offenheit, sondern gehen auf die Menschen zu und machen ihnen ein Angebot. Am 6. September 2016 öffnete unsere Schule erstmals ihre Türen und wir starteten mit der 2. und 3. Klasse. Am darauffolgenden Samstag wurde die erste Einschulung der 1. Klasse gefeiert. Vier Jahre haben wir schon ohne finanzielle Unterstützung vom Staat überstanden und möchten natürlich auch das fünfte Jahr schaffen, damit wir unsere Schule weiter ausbauen können. Durch die erhöhte Nachfrage wird es allmählich eng bei uns im Gebäude und wir arbeiten stets daran, eine Änderung/Verbesserung der räumlichen Situation zu realisieren. Durch die aktuelle Mietpreis-Lage und wenig vorhandene, bezahlbare Grundstücke wird dieses mehr und mehr zu einer Herausforderung; welche aber durch eine staatliche Förderung – zwar ein Kompromiss – erleichtert werden könnte. Wir ergreifen hier die Gelegenheit, allen aktiven & passiven Mitwirkenden für die Unterstützung zu danken.

 

DANKE! Ohne Sie/Euch hätten wir manche Projekte nicht realisieren können. Es ist einfach schön zu sehen, wie unsere Community immer mehr wächst und Zuspruch von außen findet.

 

Ich, Marius, bin seit August 2019 in der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin tätig und durchlaufe aktuell eine duale Ausbildung als Erzieher in der Waldorfpädagogik. An dreieinhalb Tagen in der Woche unterstütze ich die Hortbetreuung in der Schule und die restlichen eineinhalb Tage drücke ich selber die Schulbank an der Freien Fachschule für Sozialpädagogik in Berlin. Des Weiteren bin ich auch in der Arbeitsgemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit tätig. Aus diesem Grund durfte ich mich um das Schreiben dieses Artikels kümmern. Nach knapp 10 Jahren Berufserfahrungen als Bürokaufmann und Versicherungsfachmann, stellte ich mich der Herausforderung, mein Leben neu zu gestalten. Um wirklich einmal in mich zu schauen, entschied ich mich für ein Auslandsjahr in Neuseeland, wo ich als Au-Pair tätig war. Der Junge, auf den ich aufgepasst hatte, ging auf eine Waldorfschule (Michael-Park School in Auckland). Auch die Mutter war ehemalige Waldorfschülerin und die Oma war selbst Lehrerin an einer Waldorfschule. Somit konnte ich erste Eindrücke in die Waldorfpädagogik durch die Familie gewinnen. Die erste Begegnung mit der Schule hat mich so verzaubert, dass ich unbedingt auch mehr Einblick in den Schulalltag erhalten wollte. Also beschloss ich, mich dort zu bewerben. Zeit hatte ich ja, weil der Sohn zur Schule, dieser Schule, ging. Meine persönliche Vorstellung mündete direkt in einen Job als Springer im Kindergarten. Nach zwei Monaten im Kindergarten bekam ich die wunderbare Aufgabe der Einzelbetreuung eines Mädchens mit Besonderheiten. Diesen Job habe ich dann auch bis zum Ende meines Auslandsjahres durchgeführt. Insgesamt waren es knapp 9 Monate, wobei ich drei Monate im Kindergarten tätig war, ehe ich die Einschulung und die Einzelbetreuung des Mädchens in der Schule mitgestalten durfte. In diesen 9 Monaten habe ich sehr viele wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen und genau aus diesem Grund habe ich mich auch für eine Ausbildung in der Waldorfpädagogik entschieden. 

 

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