interkulturelle Waldorfschule Berlin

Zeugnisse statt Noten

Die Benotung der Leistung eines Kindes dient dem Vergleich dieser Leistung mit den Leistungen anderer Kinder. Ein solcher Vergleich setzt voraus, dass eine Qualität durch eine Quantität ausgedrückt werden kann. Die in der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin tätigen Pädagogen sind der Auffassung, dass eine solche Quantisierung nur bedingt möglich ist, am ehesten noch bei den Fähigkeiten, die das Quantitative selbst zum Gegenstand haben, also etwa beim Rechnen. Selbstverständlich gibt es z.B. bei den Grundrechenarten ein eindeutiges Richtig oder Falsch, an dem die Leistungen der Kinder gemessen werden können. Ob ein solcher Leistungsvergleich pädagogisch sinnvoll ist, bleibt allerdings auch hier fragwürdig.


In den meisten anderen Fächern ist eine Quantisierung der Leistungen gar nicht möglich. Dass etwa im Kunstunterricht die Leistungen der Kinder nicht an einem Bild gemessen werden können, das zuvor als „schön“ definiert wurde, dürfte heute jedem Menschen einleuchten. Dass in Fächern wie Deutsch und Geschichte das selbe Problem besteht, kommt leider noch zu selten ins Bewusstsein und findet daher meistens kaum Berücksichtigung in der Unterrichtspraxis. Was jedoch einem Text inneren Zusammenhang und Ausdruck verleiht, oder was in der Menschheitsgeschichte die einzelnen Fakten als ein roter Faden miteinander verbindet, ist nicht weniger individuell errungen als das ästhetische Empfinden.


Ein Deutschaufsatz wird seinen Schreiber gerade dann besonders auszeichnen, wenn dieser den Stoff so weit beherrscht, dass er jenem sein individuelles Gepräge geben kann, wenn der Aufsatz also unvergleichlich ist. Und im Geschichtsunterricht wird niemand die eigene Sichtweise als die „Richtige“ definieren können, ohne sich der Propaganda verdächtig zu machen. Ein Verständnis für die tieferen Ursachen z.B. des Nationalsozialismus zu entwickeln, heisst vielmehr, sich selbständig in geistige Zusammenhänge einleben, und für diese einen ganz individuellen Ausdruck finden. Wer nur das Quantitative gelten lassen will, muss im Deutschunterricht bei der Aufzählung der Fälle und Modi, im Geschichtsunterricht bei einer zusammenhanglosen Reihung der äußeren Fakten stehen bleiben, oder aber auch das Unwägbare wiegen und somit Willkür walten lassen. Auch bei der Note 1 ist dann auf jeden Fall etwas durchgefallen, nämlich die Entwicklung derjenigen höheren Fähigkeiten, auf die es der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin gerade ankommt.


Ein typischer Fall aus dem Schulalltag kann das Problem verdeutlichen: Schüler A arbeitet sich mit großer Mühe in die Geschichte der EU ein. Er erkennt einerseits die divergierenden, eigennützigen Interessen, die den Prozess der europäischen Einigung mit gestaltet haben, lässt sich aber andererseits tief berühren vom Streben ehrlicher Verfechter einer Einigung der Völker. Er ringt sogar innerlich mit den zu Grunde liegenden Menschheitsfragen, und kommt hierüber zu einem eigenständigen Urteil. Deshalb schafft er es in der Klassenarbeit aber nicht, alle Aspekte zu berücksichtigen, die nach Lehrmeinung für die Beantwortung dieser Frage herangezogen werden sollen. Schüler B interessiert sich dagegen nicht im geringsten für Geschichte, und ist vollkommen unempfindlich für die geistige Frage, die sich im Streben nach politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Einigung niederschlägt. Er „versteht“ Geschichte nicht. Aber er ist clever: er durchschaut, wie Schulbücher funktionieren und was der Lehrer hören will, verschafft sich einen systematischen Überblick über die beliebtesten Kernthesen und lernt sie der Reihe nach auswendig. Ein wenig verändert schreibt er sie dann auf, nimmt aber nicht den geringsten inneren Anteil an der geschichtlichen Wirklichkeit, auf die sich die Thesen beziehen. Bei einer Bewertung nach dem Notensystem erscheint nun die Leistung des Schülers B größer als die des Schülers A, obwohl es sich unter einem anderen Gesichtspunkt ganz anders verhält.


Die „Werte“ einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft sind bedeutungslos, wenn sie auf einem Merkzettel stehen. Wirklichkeit besitzen sie nur, sofern sie Ausdruck individueller Fähigkeiten wie Geduld, Achtsamkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit oder Mitgefühl in der Begegnung mit dem anderen Menschen sind. Solche Fähigkeiten können jedoch unmöglich in einem Testverfahren ermittelt und als Note ausgedrückt werden. Genau genommen werden sie durch den Leistungsvergleich sogar unterdrückt, da jener ein bildungsfernes Motiv in das Lernen mischt: das ehrliche Interesse an der Sache wird als Motiv vom Erfolgsmoment in der „Konkurrenz“ mit den Klassenkameraden ersetzt oft schon in den ersten Schuljahren.


Die Freie Interkulturellen Waldorfschule Berlin hat ein besonderes Interesse gerade an einer Motivation, die auf wirklicher Zuwendung zur Sache beruht. Die Schule ersetzt deshalb den gemeinsamen Masstab für alle durch einen individuellen Masstab für jeden einzelnen Schüler. Sie bemisst die Leistung eines Schülers an seinen eigenen Möglichkeiten, statt an den Leistungen anderer. Nicht bloß dafür, dass er etwas besser kann als andere, sondern vor allem dafür, dass er sich selbst übertrifft, soll der Schüler in der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin Anerkennung finden. Wer sich nur mit großer Mühe in ein Gebiet einarbeitet, das ihm überhaupt nicht liegt, wird dafür Anerkennung finden, wer nur abliefert, was er sowieso kann, wird eine Aufgabe bekommen, mit der er wachsen kann.


An die Stelle des Notenzeugnisses tritt in der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin deshalb eine schriftliche Beurteilung, in der der Lehrer des jeweiligen Faches für jedes einzelne Kind charakterisiert, was genau dieses Kind gut gemacht hat, und was es dagegen noch besser machen kann. Das Kind erhält so zum Beispiel statt einer pauschalen 4, die entmutigend wirken muss, einen konkreten Hinweis, der ihm weiterhilft.


Die Schule verzichtet also weitgehend auf Notendruck, nicht um das Quantitative auszuschließen, sondern um all das einzuschließen, was durch jedes Notenraster fallen muss. Sie belohnt nicht nur die Erfüllung eines Standards, sondern die Erreichung der individuellen Leistungsgrenze. Der Schüler soll herausgefordert werden, seine individuellen geistigen Kräfte anzustrengen. Er soll lernen, um eine Fähigkeit, einen Gedanken oder einen Ausdruck ernsthaft zu ringen, anstatt bloß wiederzugeben, was andere als „richtig“ definiert haben. Lehrer und Erzieher wiederum sind dazu aufgerufen, für die ganz unterschiedlichen Schwächen und besonderen Fähigkeiten der einzelnen Kinder aufmerksam zu werden.